Wald zwischen Wirtschaft, Jagd und Verantwortung
Exkursion des Hegerings Siebengebirge im Wald des Grafen von Nesselrode
Anfang September hatten die Mitglieder des Hegerings Siebengebirge Gelegenheit, den Wald einmal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Treffpunkt war der Wanderparkplatz Bornscheider Kreuz. Von dort führte uns Fabian Schreder, Betriebsleiter Forst, durch den Wald des Grafen von Nesselrode und gab uns einen ebenso fachkundigen wie kurzweiligen Einblick in die Herausforderungen moderner Forstwirtschaft.
Für uns Jägerinnen und Jäger ist der Wald vor allem Lebensraum des Wildes, Jagdrevier und Naturraum. Für einen größeren Forstbetrieb ist er zugleich Wirtschaftsgut, Arbeitsplatz, Familienbesitz und ein Vermögen, das über Generationen erhalten und weiterentwickelt werden muss. Gerade dieses Zusammenspiel aus Ökologie, Ökonomie, Jagd und langfristiger Verantwortung machte die Exkursion besonders interessant.
Wenn Jahrzehnte der Planung plötzlich infrage stehen
Wie langfristig Forstwirtschaft denkt, zeigte bereits ein Blick in die Geschichte des Betriebes. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten umfangreiche Reparationshiebe zu erheblichen Eingriffen in die Waldbestände. Anschließend wurden große Flächen mit Fichte aufgeforstet, um wieder Bau- und Nutzholz erzeugen zu können.
Im gräflichen Wald umfasste die Fichte zeitweise etwa 650 bis 700 Hektar. Vor den großen Kalamitäten verfolgte der Betrieb das Ziel, den Holzvorrat weiter aufzubauen und weniger zu entnehmen, als jährlich nachwächst. Dieses Ziel war nahezu erreicht.
Dann kamen die trockenen Jahre ab 2018 und in deren Folge massive Schäden durch den Borkenkäfer. Innerhalb kurzer Zeit änderten sich damit die Voraussetzungen für die Waldbewirtschaftung grundlegend. Aus langfristiger Vorratspflege wurde auf großen Flächen die Herausforderung der Wiederbewaldung.
Vielfalt statt Einheitsbestand
Inzwischen sind nach Angaben des Forstbetriebes rund 90 bis 95 Prozent der betroffenen Flächen wiederbewaldet. Dabei setzt man bewusst auf Mischbestände und unterschiedliche Baumarten.
Insgesamt spielen rund 17 Baumarten eine Rolle. Neben Fichte, Kiefer, Buche und Eiche gehören dazu beispielsweise Lärche, Douglasie, Küstentanne, Hainbuche, Winterlinde, Roteiche und Esskastanie. Auf einzelnen Flächen werden darüber hinaus weitere Arten versuchsweise angebaut.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Baumarten nebeneinander zu pflanzen. Entscheidend ist vielmehr, welche Arten zum jeweiligen Standort passen, mit den erwarteten klimatischen Veränderungen zurechtkommen und gleichzeitig wirtschaftlich nutzbares Holz liefern können. Auch Spätfröste bleiben dabei ein wichtiger Faktor.
Spannend war zu sehen, wie differenziert Wiederaufforstung geplant wird. Auf einer Fläche werden mehrere geeignete Baumarten kombiniert. Die jungen Pflanzen sind oftmals gerade einmal 25 bis 50 Zentimeter groß – und dennoch steckt bereits zu diesem Zeitpunkt erheblicher Aufwand in ihnen.
Junge Bäume haben ihren Preis
Allein Pflanze und Pflanzung verursachen Kosten. Muss zusätzlich jede einzelne Pflanze beispielsweise mit einer Wuchshülle vor Verbiss geschützt werden, steigt der Aufwand erheblich. Umso wichtiger ist ein Wald-Wild-Verhältnis, das es möglichst vielen Baumarten erlaubt, auch ohne aufwendigen Einzelschutz groß zu werden.
Auch der richtige Zeitpunkt der Pflanzung spielt eine Rolle. Auf geeigneten Flächen kann nach der Holzernte eine zeitlich begrenzte Schlagruhe sinnvoll sein. Dadurch lässt sich unter anderem das Risiko von Schäden durch den Großen Braunen Rüsselkäfer vermindern. Gleichzeitig darf nicht zu lange gewartet werden, weil Gräser, Brombeeren und andere Konkurrenzvegetation den jungen Bäumen zunehmend Licht und Raum nehmen.
Mit dem Pflanzen allein ist es ohnehin nicht getan. Pflege und insbesondere die Entwicklung hochwertiger Stämme begleiten einen Bestand über viele Jahre. Im gräflichen Wald dienen rund 1.300 Stichprobenpunkte dazu, die Entwicklung der Bestände und ihren Zuwachs zu beobachten.
Und was wird später aus dem Holz? Die Bandbreite reicht vom Brennholz über Bauholz, Möbel und Fußböden bis zum hochwertigen Furnierholz. Gerade hochwertige Stämme zeigen, welchen Wert jahrzehntelange Pflege erreichen kann.
Wald und Wild gemeinsam denken
Besonderes Interesse galt für uns natürlich der jagdlichen Seite des Betriebes. Einige Flächen werden in Regie mit Unterstützung von Jagdhelfern bejagt.
Ein zentraler Gedanke zog sich dabei durch die Erläuterungen: Die tragfähige Wilddichte richtet sich nach den Bedingungen des Lebensraumes.
An verschiedenen Stellen im Wald stehen Weisergatter. Der Vergleich zwischen der Vegetation innerhalb und außerhalb dieser kleinen eingezäunten Flächen macht den Einfluss des Wildes auf die Waldverjüngung unmittelbar sichtbar.
Auch die Gestaltung der Flächen berücksichtigt die spätere Bejagung. Auf größeren Wiederbewaldungsflächen werden Jagdschneisen angelegt. Denn junge Kulturen können innerhalb weniger Jahre so dicht werden, dass eine effektive Bejagung ohne entsprechende Infrastruktur erheblich erschwert wird.
Gerade hier wurde deutlich, wie eng Forstwirtschaft und Jagd miteinander verbunden sind. Wer einen vielfältigen, stabilen und wirtschaftlich nutzbaren Wald entwickeln möchte, braucht geeignete Baumarten, forstliches Können und viel Geduld – aber ebenso Wildbestände, bei denen sich die gewünschten Baumarten erfolgreich entwickeln können.
Verantwortung über Generationen
Neben allen Fachthemen blieb auch die menschliche Dimension im Gedächtnis. Ein solcher Wald ist mehr als eine Ansammlung von Bäumen und mehr als eine wirtschaftliche Produktionsfläche. Er ist über Generationen Teil einer Familie, sichert Arbeitsplätze und Einkommen und prägt zugleich Landschaft und Lebensräume.
Viele Entscheidungen, die heute getroffen werden, entfalten ihre Wirkung erst in Jahrzehnten. Manche Bäume, die heute gepflanzt werden, wird erst die nächste oder übernächste Generation als erntereife Bestände erleben. Genau darin liegt eine besondere Verantwortung – und sicherlich auch eine starke emotionale Bindung an den Wald.
Unsere Exkursion hat eindrucksvoll gezeigt, wie anspruchsvoll moderne Waldbewirtschaftung geworden ist und wie viele gemeinsame Fragestellungen Forst und Jagd miteinander verbinden. Neben zahlreichen fachlichen Informationen bot der Nachmittag deshalb auch reichlich Stoff für Gespräche und neue Denkanstöße für die eigene jagdliche Praxis.
Unser herzlicher Dank gilt Fabian Schreder, Betriebsleiter Forst, für die fachkundige, offene und ausgesprochen kurzweilige Führung. Ebenso danken wir Graf von Nesselrode, der uns diesen besonderen Einblick in seinen Wald und seinen Forstbetrieb ermöglicht hat.
Es war eine rundum gelungene Exkursion, die einmal mehr gezeigt hat: Wald, Wild und Jagd lassen sich langfristig nur gemeinsam denken.
Anna Maria Müller




